Fotografiere Orte im Stadtteil, an denen du etwas entdecken, anschauen und selbst kreativ sein kannst.
Stadtteil erkunden
Der Hintergrund: Viele Kinder kennen ihren Stadtteil erstaunlich wenig bewusst – oder erleben ihn vor allem als etwas Vorgegebenes statt als einen Ort, den sie mitgestalten können.
Das Projekt: Mit „Mein Stadtteil“ erkunden Kinder ihre Umgebung aus eigener Perspektive, dokumentieren wichtige Orte mit der #stadtsache-App und werden zu Expertinnen und Experten ihres Lebensumfelds.
Mein Stadtteil
Wirkung in der Schule: Gallery-Walk
Worum geht’s?
Kinder erkunden ihren eigenen Stadtteil und werden sichtbar als Expert:innen ihrer Lebenswelt. Sie wählen Orte aus, die ihnen wichtig sind – den Lieblingsspielplatz, die Eisdiele, das Café, den Park, das Geschäft an der Ecke – und dokumentieren sie mit der App #stadtsache.
Was am Ende entsteht, ist eine digitale Karte des Stadtteils aus Kinderperspektive. Sie wird ergänzt durch Poster und eine öffentliche Präsentation in der Schule, zu der Mitschüler:innen, Lehrkräfte und Eltern eingeladen sind.
Was lernen Kinder?
Vier Lernziele stehen im Mittelpunkt – sie greifen auf Sachunterricht (Sozialraum) und Medienkompetenz gleichermaßen zurück:
So läuft’s ab
Drei Projekttage über drei Wochen verteilt oder als kompakte Projektwoche. Vor dem ersten Tag entwickelt die Klasse gemeinsam mit der Lehrkraft sechs Ortskategorien, die später in der App als Aufgaben erscheinen.
Eltern kurz informieren. Kinder gehen in den Stadtteil und nehmen Fotos auf. Eine kurze Elterninfo zur Aufgabe und zum Umgang mit Bildern (keine Gesichter, keine Namen, Smileys über versehentliche Aufnahmen) schafft Klarheit – Schulleitung und Datenschutzbeauftragte können den genauen Wortlaut prüfen.
Datenschutz im Stadtteil mitdenken. Fotos von Geschäften, Schaufenstern oder Privatpersonen brauchen Fingerspitzengefühl. Im Zweifel kurz fragen – oder bewusst Ausschnitte, Schilder, Eingangsbereiche wählen statt Innenräume.
Differenzierung gleichwertig anlegen. Bild- und Audioaufnahmen sind gleichwertig zu geschriebenem Text. Kinder mit Schreib- oder Sprachhürden begründen ihre Auswahl per Audio. In den Gruppen Stärken mischen: Fotograf:in, Erzähler:in, Karten-Profi.
Wegstrecken vorab festlegen. Fußläufige Routen im Schulumfeld, klare Sammelpunkte und Treffpunkte mit vertrauten Erwachsenen. Eltern können als Begleitung eingebunden werden.
Aus diesen sechs Kategorien werden Aufgaben für die Kinder. So erscheinen sie in der App #stadtsache:
Fotografiere Orte im Stadtteil, an denen es etwas Leckeres zu essen oder zu naschen gibt.
Fotografiere Orte im Stadtteil, an denen du toben, Sport machen oder spielen kannst.
Fotografiere Orte im Stadtteil, an denen du einkaufen oder stöbern gehst.
Fotografiere Orte im Stadtteil, die im Grünen liegen – wo du draußen unterwegs sein, dich ausruhen oder spielen kannst.
Fotografiere Orte im Stadtteil, die man sich unbedingt angucken sollte.
Tag 1: Einstimmen
Die Kinder lernen Stadtteilkarten lesen, markieren auf einer großen analogen Karte Orte, die ihnen wichtig sind, und sammeln sie auf Post-Its. Aus der Sammlung entscheidet die Klasse gemeinsam, welche Orte am Tag 2 erkundet werden. Zu diesen Orten entwickeln die Kinder erste Fragen – sie werden später zu Begründungs-Impulsen für die Erkundung.
Parallel werden ein paar Kinder als „Technik-Kids“ mit der App #stadtsache vertraut gemacht. Sie probieren auf dem Schulhof aus, wie das Fotografieren und Markieren funktioniert, und geben ihr Wissen anschließend an die Klasse weiter. Alternativ kann auch die gesamte Klasse von Anfang an in die App eingearbeitet werden.
Tag 2: Erkunden und Bearbeiten
Vor dem Loszug klärt die Klasse vier Punkte: Gruppen bilden (drei bis vier Kinder), Aufgaben in der App besprechen, Impulse für gute Begründungen vereinbaren, App-Regeln festlegen. Dann ziehen die Gruppen mit Tablets in den Stadtteil, fotografieren und filmen die ausgewählten Orte, machen Audioaufnahmen.
Zurück in der Schule sichten und sortieren die Kinder ihre Aufnahmen, ergänzen sie durch Schrift, Audio oder Zeichnungen und überdecken versehentlich aufgenommene Gesichter mit Smileys. Ergebnis: eine digitale Karte mit allen ausgewählten Orten.
- Was macht diesen Ort für Kinder besonders?
- Was machst du an diesem Ort?
- Welches Gefühl hast du, wenn du an den Ort denkst?
- Fotografiere keine Gesichter und mache keine Selfies.
- Nenne keine Namen.
- Schreibe keine Beleidigungen, auch keine beleidigenden Emojis.
- Wähle erst eine Aufgabe, mache dann ein Foto.
- Wird ein Foto grau, App sofort schließen und neu starten.
- Tablet beim Fotografieren aufrecht halten.
- Hab Spaß.
Tag 3: Präsentieren
Die Gruppen wählen drei bis vier ihrer Aufnahmen aus und zeigen sie zunächst in der Klasse mit Hilfe der digitalen Karte. Anschließend gestalten sie Poster, in die sie ausgedruckte Fotos einkleben, malen, schreiben und ordnen.
Die Poster werden auf dem Schulhof aufgehängt – das ist der Gallery-Walk. Mitschüler:innen, Lehrkräfte und Eltern können durchlaufen, die Poster ansehen und mit den Kindern ins Gespräch kommen. Einige Kinder bringen Tablets mit und erklären die digitale Karte zusätzlich.
Zum Abschluss bekommt jedes Kind eine Urkunde, die die selbstständige Auseinandersetzung mit dem eigenen Stadtteil würdigt.
Abschluss: Gallery-Walk
Das Format kommt aus der Schulpraxis der Grundschule Thadenstraße und lässt sich gut auf andere Schulen übertragen. Falls Gallery-Walks an deiner Schule nicht etabliert sind, funktionieren auch klassische Formate: Elternabend, Schulversammlung, Schülerratssitzung oder eine schulinterne Ausstellung im Schulgebäude.
Die fertigen Poster werden im Außenraum aufgehängt – auf dem Schulhof, am Zaun, an Fassaden. Besucher:innen flanieren durch, betrachten und kommen mit den Kindern ins Gespräch. Anders als eine klassische Vortrags-Präsentation entsteht so ein offener, dialogischer Raum.
Pädagogisch wirkt der Gallery-Walk auf drei Ebenen: Die Kinder erleben Selbstwirksamkeit, weil ihre Arbeit wahrgenommen und ernst genommen wird. Ihre Perspektive auf den Stadtteil wird sichtbar – nicht nur intern in der Klasse, sondern für ein erweitertes Publikum. Und Eltern erleben ihre Kinder in einer Rolle, die im klassischen Elternabend selten Raum bekommt: als Expert:innen ihrer Lebenswelt.
Tipps und Stolpersteine
Kleine Gruppen funktionieren besser. Drei bis vier Kinder pro Tablet erleichtern Abstimmungen und sorgen dafür, dass alle zum Fotografieren kommen.
Lehrkräfte als Anker im Stadtteil. Die Kinder ziehen eigenständig los, fühlen sich aber besonders sicher, wenn sie wissen, wo sie eine vertraute Person treffen können. Eltern können die Begleitung mittragen.
Fotos aus der App im quadratischen Format ausdrucken. Sonst geht beim Postergestalten schnell wichtige Information am Rand verloren.
Stadtteilkarten lieber großzügig ausdrucken. Mindestens DIN A3, besser DIN A2. Vier Kinder, die sich um eine kleine Karte drängen, sehen wenig.
In Geschäften kurz fragen. Bevor Kinder Schaufenster, Auslagen oder Inhaber:innen fotografieren, lieber kurz nachfragen. Das nimmt Konflikte vorweg und macht aus dem Foto-Auftrag ganz nebenbei eine Übung in Höflichkeit und Stadtteil-Beziehung.
Audio ist ein gleichwertiger Weg. Kinder, denen Schreiben schwerfällt, begründen ihre Auswahl per Audio in der App. Das hebt die Hürde, ohne die Aufgabe zu verändern.
Für die Lehrkraft: drei Fragen zum Mitnehmen
Material
Materialaufwand insgesamt gering. Was du brauchst:
Aus der Praxis: Grundschule Thadenstraße
Das Projekt wurde an der Grundschule Thadenstraße in den Hamburger Stadtteilen Altona-Altstadt und St. Pauli entwickelt und erprobt. Drei Klassen der Jahrgangsstufe 2 nahmen teil. Die drei Projekttage waren über drei Wochen verteilt.
Die Kinder entwickelten gemeinsam mit ihren Lehrkräften die sechs Ortskategorien, die später als Aufgaben in der App #stadtsache erschienen. Bei der Stadtteilerkundung am zweiten Projekttag waren die Kinder unter anderem an der Davidwache, im Hamburger Hafen und im Park Café unterwegs. Ihre Beobachtungen flossen am dritten Projekttag in Poster und eine digitale Karte ein, die anschließend in einem Gallery-Walk auf dem Schulhof allen Klassen, Lehrkräften und Eltern präsentiert wurden.
Quelle: ScrollyPage „Mein Stadtteil“ aus dem Verbundprojekt DigiSchuKuMPK, Community of Practice 2 (Universität Hamburg).